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kleine Fluchten

  1. kleine Fluchten #1
    rosecamp

    kleine Fluchten

    Die Feuertaufe

    Heute war es endlich soweit: letzten Freitag holte ich das Surly Cross Check ab und ritt es nur kurz ein: Alles bestens, nur der Umwerfer wollte nicht so wie ich. Anstatt das Rad an die Seite zu stellen und am Samstag schnell zur Rad-Spannerei zu bringen, habe ich das gesamte Wochenende vergeblich versucht, den Umwerfer zu justieren. Dabei habe ich dem Rahmen schon eine erste gründliche Macke verpasst (Schelle viel zu kräftig angeschraubt). Gestern lieferte ich es kleinlaut ab, heute nach der Arbeit konnte ich es wieder abholen. „Sowas habe ich noch nicht gesehen“, sagte der Mechaniker. „Ich knalle ja auch alles gern fest an.“ „Und das mit einem Multi-Tool“ erwiderte ich. „Ich hätte nicht gedacht, dass Stahl so weich sein kann.“ Er meinte: „Ja, es ist ein filigraner Rahmen. Fahren kannst Du damit, und verdrehen kann sich das Sitzrohr so jedenfalls nicht mehr“. „Immerhin etwas“, meinte ich und radelte heimwärts: Ich kochte einen schnellen Milchkaffee, zog Radklamotten, Sonnenbrille und Fahrradschuhe an, schnallte den Rucksack auf und los ging's auf einen Track, den ich am Wochenende gebastelt habe.


    Es war herrlich! Perfektes Fahrradwetter: Sonnig, nicht zu warm, ziemlich windig (aber wozu hat man einen Rennlenker?). Endlich habe ich wieder richtig viel Waldluft inhaliert. Hinter Großziethen herrschte nur noch sehr mäßiger Autoverkehr.Mir kamen auf der ganzen Strecke nur zwei Rennradfahrer entgegen, und hurra – sie grüßten mich beide:-)


    Auf den ersten Abfahrten schaltete ich den Umwerfer in die falsche Richtung und trat ins Leere. Naja, ist ja auch der erste in meinem Leben. Das lerne ich schon noch.


    Bei Kilometer 65 schaute ich auf die Statistik: eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 23,10 km/h.
    Das habe ich mit dem Beryll zwar auch schon geschafft, aber nicht:
    • nach der Arbeit
    • unausgeschlafen
    • nach zwei Wochen Fahrradpause
    • bei diesem Wind!


    Da hätte ich brav in Mittenwalde beigedreht und wäre heimwärts geritten. Heute nicht!


    Um 18:45 wurde ich dennoch unruhig: Der Trackverlauf zeigte immer noch in Richtung Süd oder Südost, aber der Sonnenuntergang nahte: höchste Zeit, den Weg zurück nach Berlin einzuschlagen. Wenn es auf den letzten 20 km stockduster sein sollte, könnte ich damit leben: die beleuchteten Strecken sind mir vertraut, und eine S-Bahn-Station findet sich dort auch. Aber kann mir die Sigma Pava durch die brandenburgischen Wälder heim leuchten?
    Nur wenige Minuten später erreichte ich Märkisch Buchholz und somit den Dahme-Radweg, der auf diesem Abschnitt sehr gut ausgebaut ist und mich fortan gen Grünau führen sollte. Ich rollte genüsslich vor mich hin. Zwischen Hammer und der Hermsdorfer Mühle musste ich kurz schieben, weil der pfirsichglatte Asphalt urplötzlich in einen ausgewaschenen Schotterweg überging – bei ansehnlichem Gefälle. Bei Kilometer 90 machte ich in Dolgenbrodt die letzte Pause. Mein Rücken und mein Nacken schmerzten leicht. Auch die Sitzhöcker beklagten sich über den neuen Sattel . Ich hätte wenigstens die Rose-Hose anziehen sollen, bei der von Gore verrutscht das Sitzpolster manchmal, und ich schwitze darin auch stärker als in dem Rose-Modell.
    Kurz danach – um ca. 20 Uhr - bemerkte ich, dass die Frontleuchte aus war. Ich schaltete sie mit einem kurzen Doppelklick wieder an – und nach wenigen Sekunden war das Ding wieder aus. Erst dachte ich mir nichts böses dabei. Letzten Freitag musste ich ihr auch schon gut zureden, bis sie dauerhaft Licht zu spenden gedachte. Aber heute schaltete sie sich immer wieder ab. Sollten die erste Akkuladung schon leer sein? Nach maximal drei Betriebsstunden? Ich entschied mich, vorsichtig weiter zu fahren und nur zu „blinken“, wenn mir ein Auto entgegenkam. Das erste Auto näherte sich etliche Minuten später und bremste kurz vor mir stark ab. Auf die Rollgeräusche der Reifen achtete ich nicht – dummerweise. Als mich das Auto passiert hatte und ich noch weniger sehen konnte als ohnehin, hob ich ab: Unter mir befand sich eine deutlich erhöhte „Verkehrsberuhigung“ aus Kopfsteinpflaster. Aus dem Sattel hatte mich der Hubbel bereits geworfen, ich landete in Schräglage wieder auf dem Asphalt und versuchte das Rad mit dem linken Fuß zu stabilisieren, schlidderte einmal quer über die Straße und stürzte erst in der Böschung auf die linke Seite. Ich fluchte nur kurz und versuchte nochmals vergeblich, die Leuchte zum Dauerbetrieb zu überreden. Währenddessen passierten noch zwei weitere Autos: es sollten die letzten gewesen sein. Dann schwang ich mich wieder aufs Rad: dem war anscheinend nichts passiert. Ein paar hundert Meter weiter strich ich mir über die rechte Wade: sie blutete – ich weiß nicht, ob sie am Pedal oder an der Kette aufgeschürft ist. Egal. Langsam tastete ich mich vorwärts, es folgten noch drei weitere Bindower Hubbel, die möglichst unauffällig mitten zwischen den Straßenlaternen platziert waren. Dann hatte ich das Kaff hinter mir gelassen und steuerte vorsichtig weiter über eine Landstraße ohne weitere Tücken. Ich entdeckte Bahngleise, die parallel zur Straße verliefen, und hoffte sehr auf einen aktiv betriebenen Bahnhof in Reichweite. Die nächsten zaghaften Anzeichen von Zivilisation näherten sich schnell. Meine müden Augen erblickten ein Schild: „Herzlich willkommen in Königs Wusterhausen“. Ich jubelte: selbst wenn die Bahnstrecke neben mir stillgelegt sein sollte, der nächste S-Bahnhof konnte nicht mehr allzu weit entfernt sein. Ich sah auf meine Open Cycle Map, und tatsächlich: In Zernsdorf war ein Haltepunkt eingezeichnet. Bis dorthin war nur noch ca. 1 km zurückzulegen. Sicherheitshalber nahm ich den Bürgersteig – der war zwar menschenleer, aber nicht hoch geklappt:-)
    Der Weg zum Bahnhof war nicht ausgeschildert und ausgesprochen ruppig: Asphalt mit tiefen Kratern, teilweise Sand. Die letzten Meter zum Bahnhof schob ich das Rad. Zu meiner Freude lief gerade eine Bahn ein, zwar in die falsche Richtung, aber es herrschte noch Zugverkehr. Auf dem richtigen Bahngleis angekommen, verkündete mir der Fahrplan, dass mein Zug schon in 15 Minuten abfahren würde. Ich dankte meiner Mutter für ihren tiefen Katholizismus. Der Glaube dieser Frau zaubert Schutzengel herbei, wenn ich sie brauche ;-)
    Auf den Schreck rauchte ich in der Wartezeit zwei schnelle Zigaretten. Der Zug der ODEG (Ostdeutsche Eisenbahngesellschaft) kam pünktlich, war sauber, und in der Fahrradecke entdeckte ich Gurte, um mein Rad anzuschnallen. Die Zugbegleiterin bot mir ihre Hilfe beim Kartenkauf am Automaten an, der sich aber sehr einfach gestaltete. Blöderweise stieg ich schon in Königs Wusterhausen in die S-Bahn um, via Schöneweide wäre ich vermutlich noch etwas schneller heimgekommen. Außerdem stank es in der S-Bahn wie immer nach „Natursekt“. Aus purer Neugier probierte ich noch einmal die Frontleuchte aus: wie zum Hohn strahlte sie mich an, als sei nichts gewesen. Beim Blick auf die hintere Canti-Bremse erschrak ich leicht: Sehe ich da einen ausgefransten Bremszug? Aber nein: beim Sturz hatte die Bremse lediglich ein paar Grashalme und etwas Erde aufgelesen. Darüber hinaus konnte ich nicht einen Kratzer am Rad entdecken.
    Gegen 21:50 hatte ich den S-Bahnhof Neukölln erreicht. Den letzten Kilometer radelte ich - ordnungsgemäß beleuchtet – heim, dankbar, mich wieder bewegen zu können. In der Bahn hatte ich gefroren.


    Jetzt, einen großen Teller Nudeln, eine Tasse Brühe und ein Vollbad später, geht es mir richtig gut.
    Die Bein- und Nackenmuskeln zwicken noch, der Rücken ist wohlauf.


    Was mir am Surly Cross Check extrem gut gefällt, ist der ruhige Geradeauslauf. Ich bin sogar ein paar kurze Strecken beinahe freihändig gefahren, nur die Fingerspitzen der linken Hand waren noch am Lenker. Der Beryll-Lenker ist trotz seiner 56 cm Breite sehr viel unruhiger. Ich war mir ja nicht ganz sicher, ob ich den Rahmen nicht eine Nummer kleiner hätte ordern sollen, aber das passt alles ganz gut. Zwar fahre ich mit einer sehr geringen Sattel überhöhung und derzeit noch mit einem extrem kurzen Vorbau. Aber zur Eingewöhnung ist das gerade recht, und auf mehrtägigen Reisen wird der „Strandjunge“ (so habe ich ihn wegen der Farben getauft: hellblau für den Himmel, silber für die Wasseroberfläche und braun-beige für den Strand) angenehmer zu fahren sein als ein reinrassiges Rennrad.


    Tagesbilanz: 13.68 km mit dem Beryll
    105.34 km mit dem Surly Cross Check
    Fahrtzeit gesamt: 5:22:26h
    Ø-Geschwindigkeit: 22.15 km/h
    (auf der Langstrecke trotz Blindflugs 22.27 km/h)

    max. Geschwindigkeit: 41.82 km/h


    Verpflegung: zu wenig! 750 ml Magnesiumbrause, 50 bis 60 gr Russisch Brot, ca. 10 Paranüsse


    Nervenkitzelfaktor: 9 von 10 möglich Punkten, wenn auch nur auf den letzten 10 km.
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    Geändert von rosecamp (16.09.2011 um 00:48 Uhr)

  2. kleine Fluchten #2
    Mr.Digger
    erst mal: "gute Besserung".

    Hoffentlich hast du keine Kerbe verursacht, als du die Umwerferschelle zu fest angezogen hast. Das könnte, und das kann durchaus noch länger dauern, eine Sollbruchstelle werden! Ich wäre da sehr vorsichtig!

  3. kleine Fluchten #3
    SK69
    Spannender Bericht! Bin schon gespannt wie es weitergeht...

    Weiterhin gute Besserung!

  4. kleine Fluchten #4
    Peter Pansen
    Nach der durchwachsenen Premiere können die nächsten Touren ja nur besser werden

    Ein schönes Radel hast Du Dir da gekauft, daher danke für den kurzweiligen Bericht und viel Spass & alles Gute auf den nächsten Touren!

  5. kleine Fluchten #5
    rosecamp
    @Mr. Digger: leider hat meine Stümperei tatsächlich eine Delle im Sitzrohr verursacht. Ich nehme es nicht auf die leichte Schulter. Aber bei Stahl ist davon auszugehen, dass ein Bruch sich durch Risse ankündigt. Ich hoffe, bis dahin bleibt mir noch viel Zeit. Bis ins Rentenalter wird der Rahmen mich aber leider nicht begleiten.

    @SK69 und Peter Pansen: danke für die freundlichen Kommentare! Die Schürfwunde schmerzt noch ein wenig, aber ich habe keinen Muskelkater:-)

  6. kleine Fluchten #6
    Rainer53
    Schön zu lesen, der Bericht, nicht so schön die Probleme mit der Akkulampe und der Schaltung/Rahmen.

    Was ich an dem Rahmen nicht verstehe, warum hat der horizontale Aufnahmen hinten?
    Ist das nicht eher was für Räder mit Nabenschaltung, um die Kette spannen zu können?
    Oder mache ich jetzt einen Denkfehler?

    VG,
    Rainer

  7. kleine Fluchten #7
    Oggynator
    Das ist ein Campa Ausfallende, typisch klassisches Rennrad.
    http://www.isartrails.de/bilder/pogl...g-IMG_0370.jpg
    Andreas

  8. kleine Fluchten #8
    da Steve
    Hey Rosecamp, schöner Bericht und super tolles Fahrrad!
    Bin da ja schon neidisch

    Das mit der quetschung solltest du wirklich ab und zu mal kontrollieren.

    Wünsche dir auf jedenfall noch viel Spass mit dem Surly, freundet euch an und habt noch viel Freude miteinander

    Freue mich auf mehr.

    Gruß, Steffen

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