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Von 0 auf 1000 - Hitchiker fährt Rad

  1. Von 0 auf 1000 - Hitchiker fährt Rad #1
    hitchhiker

    Von 0 auf 1000 - Hitchiker fährt Rad

    So, Trainingstagebuch klingt gut, allerdings verdammt nach Sport ;-)

    Ziel 2010 -> 1000km mit dem Rad.
    Aktueller Trainingszustand - oberhalb von "kann nur noch alleine zum Kühlschrank gehen" aber objektiv und/oder subjektiv betrachtet eher saumäßig.

    Zuerst die Vorgeschichte - die Beschäftigung mit dem Kauf ist aktuell noch länger als das Training ;-)

    Ich bin seit frühester Jugend starker Raucher mit suboptimaler Ernährungsweise. Ich esse bevorzugt alles was Eltern hatte und halte das Wort Vegetarier für einen indianischen Vornamen der übersetzt "zu dumm zum jagen" bedeutet. Bisherige ärztliche Untersuchungen haben zwar noch nix schlimmes entdeckt aber fitnessfördernd ist das definitiv nicht. Und natürlich merke ich die Folgen...

    187cm hoch, momentan 95kg schwer und 42 Jahre alt. Sportfeindlich, aber ein paar Kilo weniger sollten es schon werden. Vor einigen Jahren mal 105kg gewogen und das ganze mit leichter Ernährungsumstellung und Krafttraining auf 90kg gebracht Dann Lust am langweiligen Eisenstemmen verloren - nix mehr mit Sport. Nachdem ich die 90kg ein paar Jahre gehalten habe erwischte mich der letzte lange Winter und die Hosen wurden etwas enger - ehe das einreisst also wieder runter damit

    Als Zivi und Student diente mir ein Rennrad als Alltagsverkehrsmittel, Radfahren machte mir Spaß. Zuerst ein einfacher Rennrahmen und Shimano 105er Gruppe - nach nächtlichem Diebstahl während einer Semesterparty wurde das Bike gegen etwas damals und heute recht edles ausgetauscht. Knackschwarzer, italienischer Bassorahmen mit kompletter Campa Chorus Ausstattung. Auch wenn ich damals keinerlei Spaßtouren gefahren bin sondern nur "Arbeitsstelle, Uni, Freunde, Kneipe" abgefahren bin lag die Jahresleistung zwischen 7.000 und 8.000km, das geht auch mit angeblich absolut unpraktischen Rennrädern ;-) Der Hobel war zwar verdammt teuer für einen Studenten aber das fahren machte damit weitaus mehr Spaß als mit Rädern die irgendwie praktisch waren. Ist so wie mit Autos, ein Kombi mah noch so praktisch und vernünftig sein, offene Sportwagen machen einfach mehr Spaß. Das feine Räder Geld kosten ist mir also nicht unbekannt.

    Der "übliche Versuch" vor ein paar Jahren zur Fitnesssteigerung es doch mal mit laufen zu versuchen scheiterte kläglich - das ist absolut nicht meine Art der Fortbewegung. Tausende von Jahren menschlicher Ingenieurskunst sind zurecht in die Entwicklung von Verkehrsmitteln mit Rädern geflossen damit der Mensch nicht mehr zu Fuss gehen muss.

    Also dann lieber Fahrradfahren - damit die einzelnen Beiträge nicht zu lang werden ist hier erstmal Ende und es geht im nächsten Beitrag weiter.

    so long

    hitchhiker

  2. Von 0 auf 1000 - Hitchiker fährt Rad #2
    Gast475
    ... dann bin ich ja mal gespannt, mit was dann die ersten kilometer abgespult werden.

    Gruß Bora

  3. Von 0 auf 1000 - Hitchiker fährt Rad #3
    hitchhiker
    Weiter geht's...

    Ich hab immer mal wieder mit dem Gedanken gespielt mir ein Rad zu kaufen - allerdings nur nebenher und mit dem Gedanken im Hinterkopf das es eine ziemliche Geldverschwendung wäre wenn ich die Kiste nur für den guten Vorsatz kaufe und sie nach 20km im Keller vergammelt. Es sollte reichen wenn das in Deutschland jeden Februar mit abertausenden von Heimtrainern passiert die im Januar gekauft worden sind.

    Nun ja, nachdem in den ersten Monaten des Jahres 2010 eh schon ein paar Tausender in die Aktualisierung des heimischen Audioequipments gewandert sind und der Winter zusätzlich 5kg auf die Hüften geweht hatte war ich gedanklich soweit mich mal näher mit dem Fahrradkauf auseinander zu setzen.

    Also im März/April als erstes mal Infos im Netz gesucht da mein technisches Wissen über Räder nach 20 Jahren etwas veraltet war. Das es nicht die Preis- oder Leistungsklasse meines Studentenbikes werden sollte war klar, eine genaue Preisübersicht hatte ich allerdings nicht im Kopf. Nach einigen Recherchen kam ich zu dem Ergebnis das ich recht einfach rechnen kann - das was sich so Ende der 80er in DM kaufen liess ist aktuell in Euro zu veranschlagen. Passt zwar nicht ganz aber damit würde ich schon klar kommen.

    Die nächste Frage war dann was für eine Art Rad ich brauche. Sowas wie City- und Trekkingbikes kamen gar nicht in Betracht - ich habe seit der Pubertät keinen Gepäckträger gebraucht und werde das auch weiterhin schaffen. Feste Schutzbleche sind auch unnötig und Dynamos eh zu praktisch... Mir gefällt das optisch nicht und damit ist es schon durchgefallen. Rennrad habe ich auch recht fix verworfen, ist zwar traumhaft schön aber irgendwie finde ich Rennräder die sich mit Geschwindigkeiten unter 30 km/h auf der Ebene durch die Welt bewegen eher peinlich. Und da ich nicht vermummt fahren will damit mich niemand erkennt lasse ich da mal lieber meine Finger von. Zu den "alten Opas" die sich auf's Rennrad zwingen weil sie das Alter merken und dann aussehen wie 'ne Presswurst auf Rädern will ich nicht gehören, da siegt meine Eitelkeit über den Anblick des schönen Rades.

    MTB ist auch nicht so mein Ding, Geländefahrten ist nichts was mich wirklich reizt. Blieben noch Fitness- und Crossräder übrig. Also schon mal im April durch ein paar lokale Läden schlendern und gucken was es da so gibt. Nach dem Urlaub im Mai könnte ich ja dann ernsthafter gucken und einkaufen gehen damit es im Juni losgehen kann. Budgetplanung im Hirn nach erstem Überblick im Netz lag so bei 800,- für alles inkl. Zubehör für ein Einsteigerrad. Da ich mich kenne wusste ich das es da eh nicht direkt bei bleiben würde. Also lieber unter 1000 anfangen und dann etwas darüber landen weil der HiFi-Händler auch schon etwas mehr meines sauer verdienten Geldes in der Kasse hatte als ich geplant hatte.

    Nun ja, als erstes mal zu BOC um die Ecke - ist wenigstens 'ne große Halle mit 'ner Menge Räder drin und hat einen lustigen Rundfahrkurs bei dem man bestimmt gleich ein paar bummelnde Kunden anfahren kann. Angebot und Stimmung gefielen mir zwar nicht aber ich setzte mich mal auf ein paar Räder. Als erstes auf irgendein 1.000-Euro Crossrad . Mein erster Gedanke war: "Wer hat das denn zusammengebaut? Is ja toll, hier eiern schon die Laufräder der Ausstellungsräder. Fabrikware so nachzentrieren schaffe ich auch selbst noch" Zur Kontrolle habe ich dann mal ein paar Speichen per Hand anderer Räder befummelt und bin zu dem Schluss gekommen das ich da ganz sicher nicht einkaufen werde. Aber zumindest habe ich keine blutenden Kunden hinterlassen und fand bremsen mit einfacher Stahlfedergabel eher seltsam als ratsam.

    Also auf in kleinere Fahrradläden - da gefiel es mir schon besser. Nach diverser Lektüre hier im Forum waren mit Stevens, Cube und ein paar andere Marken schon mal ein Begriff und sowas gibt's in den Läden dann live und in Farbe. Optisch habe ich mich als erstes in ein Stevens Strada 900 verguckt - deutlich über dem geplanten Budget aber ein Gedanke war es wert. Das 800er hätte besser ins Budget gepasst aber die Farbe ist überhaupt nicht mein Ding, das 600er war mir zu mager ausgestattet. An sich stehe ich auf schwarz, aber davon habe ich irgendwie zu viele in den Läden gesehen. Das Strade ließ mich schonmal über eine Farbgebung abseits von schwarz nachdenken. Gelandet bin ich nach dem Urlaub beim örtlichen Cubehändler - nicht unbedingt wegen eines konkreten Rades sondern weil mir der Laden einfach am besten gefallen hat. Klasse Personal und von der Stimmung und dem Angebot her genau das was ich gesucht hatte. Und wenn ich mit einem Händler erstmal grundsätzlich zufrieden bin wird sich schon was passendes finden lassen und über Preise wird man sich auch immer einig.

    Da ich es unfair finde etliche Händler mit Probefahren, Beratungsgesprächen, etc. zu nerven beschloss ich quasi schon vor dem Urlaub wo ich Probe fahren und einkaufen werde. Wer mich ordentlich berät und einen guten Service vermuten lässt soll auch anschließend mein Geld in der Kasse haben, soviel wird an einem Rad auch nicht zu verdienen sein.

    Weiter geht's im nächsten Artikel

    so long

    hitchhiker

  4. Von 0 auf 1000 - Hitchiker fährt Rad #4
    hitchhiker
    Und nun zum finalen Kauf,

    nach dem Urlaub wurde ich langdam fickerig - ein Rad muss her. Kontostand überprüft und Laden geentert. Der Zweitbesuch im Laden war so positiv wie der Erstbesuch - OK, hier soll die Kohle landen. Auf zur Probefahrt ;-)

    Aber - oops, da steht ein Sonderangebot. Klein, schlank, schwarz, elegant und schnell. Ein schickes Rennrad, Vorjahresmodell für 799,- Euro. Rahmengröße sieht passend aus - los hitchhiker, scheiß auf deine vernünftigen Gedankengänge und nimm die Kiste. Für das Geld ein so schönes Fahrrad kaufen kann nicht verkehrt sein....

    Aber gut - ich habe es nicht getan sondern mich gebremst. Also erstmal rauf auf ein Cube Crossbike in 58er Rahmenhöhe und quer um den Block jachtern. Jup, das fühlt sich gut an und fährt vernünftig. Federgabel? Klasse, is mit Remotelock und lässt sich feststellen. "Lock", ab in den Wiegetritt und treten - alles bleibt ruhig, nix wackelt.... damit lässt sich leben. Sitzposition ist ein wenig zu aufrecht aber das lässt sich mit 'nem etwas längeren Vorbau ändern. Auf was muss ich eigentlich noch bei einer Probefahrt achten? Fahrradfahren is lange her, Kleinigkeiten kann ich nicht bemerken und eine Menge ändert sich eh sobald ich auch nur die Sattelstütze um ein paar mm nach oben oder unten verändere. Sitzposition leicht nach vorne oder hinten, etc... Ach ja, mal Federgabel testen ob das was taugt. Also entlocken und erstmal über fröhliche Winterschlaglöcher in der Strasse brettern. Nicht ganz so wie ich es gelernt habe "Arme locker am Lenker lassen damits nicht rüttelt" sondern einfach drauflos und mittendurch. Alles klar - Federgabeln sind gar nicht so übel, das könnte was für mich sein. Wenn ich schon kein Rennrad kaufe pfeife ich auf ein Kilo Mehrgewicht.

    Zurück im Laden bin ich kaufwillig - aber ich muss noch was anderes Probefahren. Da ich meiner Frau fest zugesagt habe das ich mit ihr durch die Gegend fahren werde und die Wege hier schnell schotterig und unbefestigt sind darf's eh kein reines Strassenrad werden. Aber es gibt ja noch CycloCross - geile Erfindung und der Chef vom Laden fährt sowas auch. Passenderweise steht ein finanziell ungefähr passendes im Laden, 58er Rahmen wie für mich gemacht. Schwarz-Rot, jup das passt auch farblich in mein Schema. Also rauf auf's Gefährt und gucken ob das was für mich ist. Raus aus dem Laden - Wiegetritt, schnell vom Bordstein springen und locker in den Beinen und Armen federnd Schlagloch testen. Nun gut, kein Problem für das Rad... meine Hände fühlen sich auf dem Rennlenker sofort heimisch aber die Geometrie passt für mich nicht zum Lenker. Der kürzere Crossrahmen fühlt sich für mich zu kurz an, im Gelände sicher praktisch aber am Rennlenker ist mir die Sitzposition zu aufrecht. Und die 35er Reifen gehen ja gar nicht - das ist für ein RR viel zu weich. Wenn schon RR dann muss man beim überfahren einer Münze nicht nur merken das da eine liegt sondern auch welchen Wert sie hat. CycloCross machen evtl. eine Menge Spaß aber daran müsste ich mich erstmal verdammt lange gewöhnen bis es mir nicht "falsch" vorkommt. Erstaunlich wie lange sich der Körper merken kann wie sich was anzufühlen hat. Rennrad hat hart und unkomfortabel zu sein sonst is das nix. Im Hinterkopf tauchen die ersten Gedanken auf - "wenn du erstmal zwei Jahre Rad gefahren bist und wieder Kondition hast kauft du dir ein Renner als Spielzeug"

    Zurück im Laden bemerke ich trotz eher kurzer Probefahrten das meine Kondition wirklich unter aller Sau ist. Ein Blick auf die Gangschaltung lässt mich wissen warum die Beine zittern - ich Trottel fuhr nach kurzem hochschalten gleich im zweithöchsten Gang, das kann nicht gutgehen...

    So, Entscheidung gefallen - ich nehme ein Stück Cube Cross in Farbe white'n grey. und natürlich Zubehör. Bitte einpacken und mit Schleife versehen als Geschenk zusenden. Ach ja, ich bin faul und unsportlich, gebt mir einen Grund zu fahren - lasst mich Biergärten entern. Da muss ich mein Rad anschliessen. Also nehme ich ein Abus Bordo Granit X - wenn schon kein RR dann immer drauf mit dem Gewicht, is alles Training. Ach so - ich brauche ein Tacho für den Geschwindigkeitsrausch, nehm ich auch mit. Ganz wichtig ist allerdings eine Trittfrequenzanzeige, ich musste mich schon früher dazu zwingen mit Frequenzen zwischen 70 und 80 zu fahren und nicht einfach mit Muskelkraft reinzutreten bis die Beine zittern. Also - einmal anbauen bitte. Ach ja, früher fuhr ich todesmutig festgeschnallt auf Hakenpedalen auch im städtischen Berufsverkehr, kein Sturz hätte das Rad vom Körper getrennt. Sowas würde ich nie wieder tun aber eine feste Verbindung zwischen Fuss und Pedal habe ich als sinnvolles Feature in Erinnerung also nehme ich gleich noch ein paar Klickpedale und Schuhe oben drauf. Statt des 100mm Vorbaus kommt gleich ein 120er drauf und da ich keine Lust auf Reifen flicken habe tausche ich die leichten Rennreifen auch gleich gegen ein paar pannensichere aus womit das Trainigsgewicht weiter erhöht wird. Das mit den 12,x kg aus dem Prospekt kann ich mir schon mal in die Haare schmieren ;-)

    Angesichts des anwachsenden Betrages verzichtete ich auf Steckschutzbleche und die sofortige Bestellung einer hochwertigen Akkubeleuchtung. Das kann ich später kaufen wenn das Konto sich ein wenig erholt hat und das Wetter schlechter wird.

    Alles klar - es ist Ende Mai und das Fahrrad ist bestellt. "Ich rufe morgen an wann das Rad lieferbar ist" verabschiedet sich die freundliche Verkäuferin und ich fahre fröhlich nach Hause. Später abends finde ich im Netz noch ein paar Beiträge die davon handeln das es in der aktuellen Hochsaison auch mal Wochen dauern kann bis das Fahrrad kommt....

    Mist, das war mir zwar klar aber wie jeder Kunde der sich zum Kauf entschlossen hat will ich nun natürlich am liebsten sofort loslegen.

    Am nächsten Tag klingelt das Telefon: Bike ist ab Lager lieferbar und trifft bald ein. Dann wird's noch fahrfertig montiert und ich kann es abholen. Klasse, hitchiker goes bike.... Termin zum abholen ist lose vereinbart, ich werde nervös da nun klar ist das ich mich bewegen muss......

    so long

    hitchhiker

  5. Von 0 auf 1000 - Hitchiker fährt Rad #5
    hitchhiker

    Erste Fahrten

    .... und nun der letzte Beitrag für heute, endlich hat das Tagebuch den Namen "Training" verdient. Ich hole mein neues Rad ab und bewege mich nur anhand der eigenen Muskelkraft durch die Stadt.

    Na gut, kurzzeitig flammte aufgrund meiner Arbeitszeiten noch der Gedanke auf das Rad mit dem Auto abzuholen und in den Kofferraum zu werfen. 18:00 Uhr Feierabend, halbe Stunde Fahrzeit mit dem Auto zum Fahradladen der um 19:00 zumacht ist ungünstig.

    Aber irgendwie fand ich es dämlich ein fahrfertig montiertes Rad abzuholen und das dann als erstes ins Auto zu packen - also mit meiner Frau verabredet das sie startfertig zu Hause auf mich wartet und wir im fliegenden Wechsel losfahren damit die Abholung klappt ohne das der Laden Überstunden machen muss.

    Geht klar - auf zur ersten Fahrt vom Laden nach Hause. Strecke ca. 8,5km, für die meisten hier keine Erwähnung wert - nach 20 praktisch sportlosen Jahren und abertausenden von Zigaretten für mich schon.

    Da stand es nun - mein neues Bike - schick herausgeputzt und die letzten Anpassungen wurden vorgenommen. Nun noch die Cleats in die Schuhe schrauben und es kann losgehen. Ähem - wie ging das noch mal mit dem Klick? Alles klar, ich bin drin - nun muss ich nur noch rauskommen. Klappt auch.... Also losfahren, etwas eierig bewege ich mich fort und dachte an die Berichte das sich verdammt viele Menschen erstmal mit Klickpedalen auf die Schnauze legen. Macht nix, ich werd's schon überleben. Es wäre aber klasse das Rad wenigstens unbeschädigt nach Hause zu bekommen um ein Erinnerungsfoto zu schiessen.

    Die ersten Kilometer - dank Tacho bremse ich eher ab und versuche untere Gänge zu fahren. So schlimm sind 27 km/h ja nicht aber mich beschleicht das Gefühl das ein Tempo nahe der 30 km/h Marke nicht lange gut gehen kann. Und ich rede da nicht über Dimensionen wie "halbe Stunde" sondern eher "zwei Minuten" - Grundlagenausdauer ist was anderes. Also lieber mal mit 20 Sachen dahindüseln und Ampelstopps geniessen. Hmmm, so in echt außerhalb der Probefahrt fühlt sich alles etwas ungewohnt an, aber es macht schon mal Spaß. Statt auf dem kürzesten Weg nach Hause zu fahren schwenke ich kurz in den Stadtwald ein um eine angenehmere Strecke zu wählen. Alles fährt leicht, die Beine fühlen sich gut an, ich bekomme noch Luft..... Nun ja, so wirklich lange ist es nicht entspannt, so nach fünf Kilometern finde ich die vor mir liegende Brücke nicht komisch, scheiße, ich hasse Steigungen auch wenn sie kurz sind. Die kurze Abfahrt dient zur Erholung aber ich bemerke das ich wirklich jahrelang kein Rad unterm Hintern hatte. Das Rad rollt auf über Tempo 30 und ich überlege wie schnell ich es wohl zum stehen bekommen würde weil da eine Kreuzung ist. Auch die Beine machen sich bemerkbar. Ich verdamme schon den Tag an dem ich meine Wohnung bezogen habe - egal von welcher Seite aus man sie anfährt, der letzte Kilometer ist leicht ansteigend, die letzten 700m davon geht's bergauf. Sicher nicht Gebirge, aber verdammt viele Citybiker sehen da schon verdammt langsam aus und ältere Mitbürger steigen gar ab. Und ganz egal wie ich nach Hause komme, nun muss ich da auch mit Muskelkraft hoch. Ich bereite mich gedanklich vor, "nicht einfach reintreten, schnell runterschalten und Trittfrequenz oben halten" Das klappt ganz gut, ich gehe nicht einmal aus dem Sattel und komme oben noch mit deutlich mehr als Schrittgeschwindigkeit an. Aber es schlaucht mich - und das nicht zum letzten Mal.

    Nächster Tag: nach der Arbeit nehme ich mir vor eine kleine Runde zu drehen. Der innere Schweinehund macht sich angesichts des schönen Wetters nicht bemerkbar und ich schwinge mich für eine geplante halbe Stunde aufs Rad. Auf geht's - erstaunlich locker fahre ich die ersten drei Kilometer, kein Wunder - der Start ist ja auch bergab ;-) Da ich ungern ziellos fahre steuere ich BOC an um mir eine Trinkflasche zu kaufen - ich habe ein Rad und Geld in der Tasche, ich muss etwas kaufen. Nach sieben Kilometern steige ich vom Rad und schliesse es an. Zum Rahmen passt ein weißer Topeak-Halter perfekt, wird samt Flasche gekauft und schnell vorm Laden angeschraubt. Der Rückweg ist ebenfalls noch recht locker aber ich rechne kurzzeitig nicht mit den Klickpedalen. Im vorbeifahren denke ich einen Freund zu sehen und drehe eine lockere Runde und halte an um ihn zu begrüßen. Während ich ein munteres "Hallo Wolfgang" sage bemerke ich meine Verwechslung - der Mensch ist ihm nur ähnlich. Nahe Tempo Null geht alles blitzschnell während das Hirn auf Zeitlupe schaltet - ich hebe meine Füße an und bemerke das das nicht geht. Während die Großhirnrinde langsam sowas an die Füsse funkt wie "Ferse seitlich rausdrehen" und ich anfange zu realisieren was da schiefläuft liege ich auch schon auf dem Boden. Padauz... Ich bemerke einen Schmerz im rechten Handgelenk, finde die Situation aber gleichzeitig saukomisch da der vermeintliche Wolfgang völlig panisch und überrascht guckt und sorgenvoll rätselt was da wohl passiert ist. Ist bestimmt eigenartig wenn man von einem stürzenden Radfahrer mit falschem Namen angesprochren wird. Ich sage nur was von Verwechslung und das mir nichts passiert ist und steige wieder aufs Rad um den Berg zu erklimmen. Nach den ersten Tritten sehe ich ein wenig Blut am Boden und sehe das mein Knie leicht blutet. Macht nix, is mir als Kind auch passiert. Unangenehm macht sich nur das rechte Handgelenk bemerkbar - der Aufstieg ist eklig und ich bin froh als ich zu Hause angekommen bin.

    Na super - kaum mal losgefahren und schon verletzt. Ich nehme es nicht weiter ernst und trinke erstmal Kaffee, morgen wird es wohl vorbei sein.

    Am nächsten Tag fühlt sich die Hand recht verstaucht an, ich beschließe einen Tag Pause zu machen und das Gelenk zu schonen.

    Ein weiterer Tag geht ins Land - Gelenk weiter blöd, ich kaufe eine Sportsalbe und einen Verband. Umgemacht und losfahren. Kurze Strecke, ohne den Lenker fest anfassen zu können fährt es sich unsicher. Ich vermeide Strassen mit Autoverkehr. Das ganze wiederholt sich noch zwei-/dreimal aber sicher fühle ich mich nicht. Als ich kurz mit meiner Frau losfahre und plötzlich auf einem schmalen Weg mit ca. 50cm Breite lande finde ich das gar nicht komisch. Das Handgelenk schmerzt, die Füsse in Klickpedalen und ich habe nicht die geringste Ahnung was ich machen sollte bei Gegenverkehr außer mich ins Gebüsch fallen zu lassen. So macht Radfahren keinen Spaß. An einer Ampel passiert mir das nächste Malheur - anstatt einfach auszuklinken und abzusteigen mache ich es wie vor 20 Jahren. Füße auf den Pedalen lassen und beim ausrollen am Ampelmast festhalten. Dummerweise tut das mit einem verstauchten Handgelenk verdammt weh und ich schreie kurz auf. Die letzten ca. drei Kilometer nach Hause machen mir ebenfalls keinen Spaß. Ich beschließe das es kein "innerer Schweinehund" ist wenn ich ein paar Tage Pause mache und das Rad nicht bewege.

    Nach ein paar Tagen Pause ging's wieder los. Ziel - ein bewirtetes Schiff am Mittellandkanal, Entfernung ca. 15km - meine längste Strecke. Trotz noch leichtem Schmerz bei unbedachten Bewegungen im Handgelenk eine entspannte Fahrt. Ebene Strecke, wenig Verkehr - so kann das Spass machen. Ich fange an mich langsam sicherer zu fühlen und beginne das Rad etwas mehr zu testen. Auf leicht schotteriger Bergabstrecke trete ich leicht an und lasse das Rad rollen, bei Tempo 42 bremse ich ab auch wenn das Cube absolut ruhig läuft. Die Strecke am Kanal legen wir flink zurück und überholen dabei etliche Radfahrer. Kaffeepause auf dem Schiff und anschliessend wieder zurück. Insgesamt eine Tour von 32,5km mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 21 km/h. Das finde ich schon mal völlig in Ordnung. Der letzte Anstieg nach Hause nervt zwar weiterhin aber auch nach dem absteigen fühle ich mich nicht total ausgelaugt sondern habe das Gefühl das ich noch einige Kilometer fahren könnte.

    Am nächsten Tag machen sich die Beine bemerkbar - nichts was ich Muskelkater nennen würde aber ich merke es deutlich. Ich beschliesse es nicht zu übertreiben und lasse das Rad stehen. Einen Tag später setze ich zur kurzen Tour an. Ich bleibe nahe der Heimat und fahre 10km - praktisch ein reines Bergauf und Bergab bei Wind. Ist ok, aber ich erschöpfe zu schnell.

    Einen Tag später - nun ist es Mittwoch der 17. Juni - noch eine Feierabendtour zu einem Biergarten. Ebene Strecke, Entfernung etwas über 10km. Wenig Wald, viel Asphalt. An einer Unterführung beschliesse ich Gas zu geben um anschliessend nicht hochstrampeln zu müssen. Ich beschleunige auf den aktuellen Rekord von 46,6 km/h und trete beim hochfahren einfach weiter und lande mit ca. 41 km/h wieder oben. Langsam ausrollen lassen und weiterfahren. Der Rest der Strecke hat zwar ein paar Ampeln die das Tempo bremsen aber es rollt recht gut. Ist zwar anstrengend aber macht Spaß. Eine Bratwurst im Biergarten essen und wieder zurück. Die ersten Kilometer pendele ich zwischen 27 und 30, dann gehe ich etwas vom Tempo runter. Die 22,5km sind mit durschnittlich 22 km/h gefahren worden, ich bin absolut zufrieden.

    Von den angepeilten 1.000km sind nun 140 geschafft. Gesamtfahrzeit 7:01h Langsam beginne ich mich wieder auf einem Rad sicher zu fühlen. Ich fange ein leicht wegschmierendes Hinterrad auf Schotter ab, etc.... Langsam aber sicher fühlt es sich nicht mehr völlig ungewohnt an. Der Tritt ist noch nicht wirklich wieder rund aber das ziehen kommt langsam nicht nur als bewusste Unterstützung am Berg.

    860km to go - die nächsten drei Tage fallen flach da ich in Celle auf dem Tag der Niedersachen bin.

    so long und schönes Wochendende

    hitchhiker

  6. Von 0 auf 1000 - Hitchiker fährt Rad #6
    Rhuarc
    Halli Hallo

    Das liest sich doch echt gut. Den Schweinehund verhauen ist manchmal echt schwierig.

    Finde es Klasse dass du jetzt auch regelmäßig fahren möchtest, ich wünsche dir viel Spass dabei und viele unfallfreie Kilometer.

    Viel Spaß in Celle, falls du meinen Fahrradhändler siehst, hau ihn - der soll mir mein Fahrrad bringen

  7. Von 0 auf 1000 - Hitchiker fährt Rad #7
    gereon
    Das liest sich so prima; da möchte man am liebsten Bildschirme zusammenschrauben, um deinen Text als Buch zu binden!

    LG Björn

  8. Von 0 auf 1000 - Hitchiker fährt Rad #8
    SK69
    Ja, man freut sich schon auf die Fortsetzung!

    Und die 1000km gehen so fix...

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